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"Die Schatten sehen und überleben"

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Indigo
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Beitrag Verfasst am: Di Apr 11, 2006 8:54 am    Titel: Erbe Antworten mit Zitat

Erbe von Anja Brandel

Das ist auch schon etwas älter, aber eben eine "Libby-Story", viel Spaß damit, Feedback ist wie immer natürlich gern genommen:

Caiman rief einen Geist und beauftragte ihn, die noch intakten Gegenstände einzusammeln und nach Seattle zu bringen. Vor allem die, deren sanftes Leuchten Magie versprach. Er sah auf die zierliche dunkelhäutige Frau herunter, die sich an ihn geklammert hatte und haltlos weinte. Er gab ihr Zeit, schließlich sagte er "Komm, Libby, lass` uns zurück, es ist ein weiter Weg und du bist es noch nicht gewöhnt so lange außerhalb deines Körpers zu sein. Nimm meine Hand, ich zeig` dir den Weg."
Libby sah sich noch einmal an dem Ort um, der 15 Jahre lang ihr Zuhause gewesen war. Im Astralraum waren die vertrauten Umrisse der baufälligen Hütte irritierend strukturlos, ein dumpfes dreckiges Wabern schien den Ort zu umgeben, erinnerte an Gewalt und Tod. Der umgebende Sumpf dagegen strahlte in vielfachem Leben.

Deutlich zeichnete sich die Aura des großen Vogels ab, der Alligator der träge am Ufer lag, das Sumpfwasser, das von Schleiern leuchtenden Lebens durchzogen war. Für einen Moment war ihr völlig unverständlich wie alles so lebendig sein konnte, wenn doch Granny, ihre geliebte Granny, tot in der Hütte lag. Caiman hatte ihr verboten nachzusehen, aber sie wusste, dass er nicht log. Sie konnte es spüren.
Dieselben Männer, die sie vor wenigen Wochen eingefangen und mitgenommen hatten, um sie schließlich im fernen Seattle zu verkaufen, schienen der alten Frau den Schädel eingeschlagen zu haben, als sie versuchte, die Enkelin zu schützen.

Libby fasste nach Caimans Hand, sie folgten dem kleinen namenlosen Fluss durchs Delta, sahen, wie er sich mit immer größeren Nebenarmen mischte und schließlich im Mississippi mündete. Als sie New Orleans erreichten, zeigte Caiman ihr eine Frau in ihrem Alter. "Was du jetzt siehst, erlebst und noch lernen kannst, wird dir immer Möglichkeiten geben. Das Leben geht weiter, Libby und du hast die Gabe, Magie zu nutzen. Das unterscheidet dich von all den anderen. Es liegt an dir, etwas daraus zu machen."
Dann wandte er sich dem Meer zu und flog mit ihr an der Hand gedankenschnell über die See, umrundete den Kontinent, nach Seattle zurück.
Sie trug die Schachtel nach hause. Das, was nun ihr neues Zuhause war, denn das alte, in den Sümpfen, war mit Granny gestorben. Sie spürte ihren Herzschlag mit jedem Schritt, pochend wie ferne Trommeln. Ihre Hände umklammerten die Schachtel, die Caiman ihr gegeben hatte. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Alles was ihr geblieben war von ihrem früheren Leben, in einer handlichen Schachtel, nicht viel größer als ein Schuhkarton.

Der große Farbige lehnte an der Wand. Es kümmerte ihn nicht, dass sein strahlend weißer Anzug schmutzig werden könnte. Er betrachtete die junge Frau nachdenklich, die, den Blick auf ihr Erbe gerichtet, nach hause strebte und sich wunderte, warum es plötzlich nach Sumpf roch.

Sie verkroch sich tiefer in die fadenscheinige Decke, zupfte ihren Rock zurecht und betrachtete ängstlich die Schachtel auf ihrem Schoß. Schließlich löste sie mit zittrigen Fingern die Schnur und hob den Deckel.
Irgendwo tief in ihr regten sich vergrabene Erinnerungen, wie ein Alligator, der Beute wittert. Sie schnupperte. Der vertraute Geruch von Maismehl stieg ihr in die Nase, Veve, Geisterzeichnung aus Maismehl auf dem Boden der Hütte. Papa Legbas Schnörkel und Kreuze, Nabelschnur zwischen hier und dort, Geisterwelt und die Heimat der Sterblichen verbindend.

Ihre tastende Hand fand einen kleinen Beutel. Zögerlich öffnete sie ihn, Kleren, Zuckerrohrschnaps in einer kleinen dunklen Flasche und ein Beutelchen feiner Tabak. Dunkle Augen blitzten auf und in ihrer Erinnerung schwang ein alter, gebeugter Mann einen Stock, jagte sie mit furchteinflößendem Lachen aus dem Haus. "Zu jung, zu jung!" hörte sie seinen Ruf wieder. Echo längst vergangener Tage.
Worte stiegen auf wie Blasen im Sumpf, nicht ihre, aber oft gehört, in hypnotischer Folge "Papa Legba, öffne mir das Tor". Ganz unten in dem Beutelchen, das rot und weiß war und sorgfältig mit der Veve bestickt, ertastete sie einen alten, rostigen Schlüssel. "Damit ich hindurchgehen kann", sie drehte den Schlüssel in den Fingern, Symbol, am Scheideweg. "Wenn ich zurückkehre, werde ich die Geister ehren."

Sie meinte, dumpfen Trommelschlag zu hören. Draußen wurde es langsam dunkel, das Zwielicht ließ den Inhalt der Schachtel plötzlich unwirklich scheinen. Libby stellten sich die Nackenhaare auf und von irgendwo kam der Geruch nach gegrilltem Huhn und Süßkartoffeln. Sie öffnete die Flasche Kleren und nahm einen Schluck. Flüssiges Feuer rann ihre Kehle hinunter und ließ sie keuchen. Ein kleiner Lavasee schien sich in ihrem Magen zu bilden, schickte Wärme in ihren Körper.
Sie zwinkerte Tränen aus den Augen und schloss die Flasche wieder. Krächzendes Lachen hallte in ihrem Schädel. Sie blinzelte, als sich ein letzter, verirrter Sonnenstrahl rötlich in einem Stück Spiegelscherbe brach und sie blendete. "Donnerstein", murmelte sie und holte einen flachen, leicht ovalen Stein aus der Schachtel. Er lag mit beruhigendem Gewicht in ihrer Handfläche und fühlte sich erstaunlich warm an. Auf seiner Oberfläche waren einige Spiegelscherben befestigt die das sterbende Sonnenlicht fingen. "Erschaffen von Danbala, als seine Blitze den Stein spalteten und das Universum geformt wurde." Libby meinte, die brüchige Stimme von Granny zu hören, die ihr die Worte ins Ohr raunte.

Ein heißer Schauder lief ihr über die Haut, richtete die feinen Härchen an den Armen auf und ließ sie fröstelnd zurück. "Heilige Schlange, Geist, der im Wasser wirkt, die Quelle." Sie spürte den Fluss ihres eigenen Blutes, stetig und beruhigend pumpte ihr Herzschlag es rund, rauschend wie der Fluss hinter der Hütte, beständig. Ihre suchenden Finger fanden das kleine Boot aus Holz und Muscheln, weiß und leuchtend blau angemalt. Sie erinnerte sich an die blaue Farbe an ihren Händen, als Granny sie das Boot bemalen ließ. Für den Altar, zu Agwe´s Ehren, für die vielen Fische die sie gefangen und über dem Feuer gebraten hatten. "Muschel des Meeres, Agwe", die Erinnerung kam klar, zeigte ihr eigenes Spiegelbild im Wasser, das verschwamm und zu dem eines Mulatten mit strahlend grünen Augen wurde. Sie hatte gelächelt damals, während Granny rief. "Wachsam die Engel im Wasser", obwohl er schon da war und Libby ansah, ernst aber freundlich. "Unter dem Spiegel, oh er sieht sie, er sieht sie." Das Bild zerfloss, ließ sie atemlos zurück, mit einer unbestimmten Spannung im Körper, dem Wunsch, aufzuspringen und sich kopfüber in die klaren Fluten zu werfen. Die Sonne verschwand und die Trommeln begangen ihren dröhnenden Ruf. Legbas Kleren machte Libby schwindelig, gewiegt wie auf Wasser als das Tor sich öffnete, der Weg beschritten werden konnte.

Dunkle Augen beobachteten das schlanke Mädchen als es leicht schwankte. Ein sanftes, rasselndes Geräusch zog ihre Aufmerksamkeit auf den letzten und wichtigsten Gegenstand in der Schachtel. Ason - die Kürbisrassel in deren Innerem die Schlangenwirbel tanzten. Libbys Hand legte sich um ihr Erbstück, jetzt hatte sie jedes Recht dazu. Das sterbende Licht schimmerte matt auf den gitterförmig verflochtenen Glasperlen, die die Rassel schmückten. Taumelnd kam die junge Frau auf die Füße. In der dunklen Ecke des Raumes blitzten hell Zähne auf, als der große Mann lächelte. So nah schon. Gut, meine Kleine.
Ihre nackten Füße machten dumpf tappende Geräusche als Libby die Rassel hob und sie in jede der vier Himmelsrichtungen schüttelte, ihre Lippen formten die Worte wie von selbst "Papa Legba, öffne mir das Tor, damit ich hindurchgehen kann." Sanft schimmerte der schneeweiße Stoff, in scharfem Kontrast zur dunklen Haut des Mannes, dunkler noch als Libbys Haut, wie Schatten in den Sümpfen. Der alte Mann schlug mit dem Stock nach ihm und lachte krächzend. "Jeder kommt dran, wart ab bis du an der Reihe bist, wir wissen alle, dass sie dir gehört!" Er kicherte leise und lauschte Libbys Ruf, drängte den Mann zurück in die Schatten. "Wenn ich zurückkehre, werde ich die Geister ehren!" zufrieden nickte der Alte, beobachtete wie die Ason rasselnd gesenkt wurde und Libby sich geschmeidig vor der letzten Himmelsrichtung verbeugte.

Als sie hochkam, glaubte sie für einen Moment einen vom Alter gebeugten Mann zu sehen, der sich auf einem Stock abstützte. Schwach roch sie den würzigen Tabakduft der aus seiner Pfeife kräuselte und der Kleren schien in ihrem Magen noch einmal hochzulodern. Papa Legba nickte ihr zu und trat dann zur Seite, ließ den hochgewachsenen Mulatten passieren, öffnete ihm den Weg zu Libby.
Ein warmes, tröstliches Gefühl breitete sich in ihr aus, ihr aufgewühlter Geist wurde friedlich und ruhig. Sanftes Erstaunen prickelte in ihr, als sie den Mann erkannte der ab und zu bei ihr gewesen war. Mit ihr gespielt hatte, wenn Granny die Geister rief und sie nicht in die Hütte durfte. "Kleine Liberty, du hast mich nicht vergessen, nicht wahr?" seine Stimme war dunkel wie Melasse und berührte etwas in ihrem Magen, ließ sie schwingen. Atemlos schüttelte sie den Kopf, dass ihre gekräuselten Haare über die Schlüsselbeine strichen. Ihre Füße bewegten sich wie von selbst, zogen sie zu ihm hin. Sie schaute hinauf in das lächelnde, vertraute Gesicht und alle ihre wirren Träume und Ängste waren plötzlich vergessen. Das Weiß seines Anzugs blendete sie fast und ließ sie mit den Augen zwinkern.
Sie tastete nach dem schneeweißen Halstuch, dass sie heute morgen gekauft hatte und das noch unbenutzt auf ihrer kleinen Ablage lag. Er nahm es ihr sanft aus den zittrigen Fingern, wischte die Tränen aus ihren Augen und beugte sich dann zu ihr hinab um es ihr um den Hals zu binden. Und als er sie in den Arm nahm und tröstend wiegte, fühlte sie sich so sicher wie noch nie in ihrem Leben. "Obatala…" sein Name kam aus den Tiefen ihres Selbst, flüsterte durch ihren Geist. Sie spürte sein bestätigendes Nicken und nun wusste sie endlich, wer er war. "Es gibt viel zu lernen kleine Liberty", murmelte er. Sie wusste, sie würde nie mehr alleine sein.
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Beitrag Verfasst am: Di Apr 11, 2006 8:54 am    Titel: Werbepause


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